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Maria-Zeitler-Pfad

Der Maria-Zeitler-Pfad ist ein Lehrpfad zur Geschichte der NS-„Euthanasie“ auf dem Gelände der Johannes-Diakonie in Mosbach

Wer war Maria Zeitler?

Maria Zeitler, die Namensgeberin des Lehrpfades, war eines der 263 Opfer der NS-„Euthanasie“ aus der heutigen Johannes-Diakonie Mosbach. Maria Zeitler war das einzige Opfer, das auch in Mosbach geboren wurde. Ein Tag nach ihrem 29. Geburtstag, am 17. September 1940 wurde sie nach Grafeneck deportiert.

Sie wurde in der ersten Phase der NS-„Euthanasie“ im Rahmen der sogenannten „T 4-Aktion“ ermordet, zusammen mit 217 weiteren Opfern, die am 13., 17. und 20. September 1940 mit den Bussen der Tötungsanstalt Grafeneck abgeholt wurden. Maria Zeitler erkrankte im Alter von drei Jahren an Hirnhautentzündung, die sie überlebte. Es blieb jedoch eine Behinderung zurück. Im November 2013 wurde für sie ein Stolperstein im Gartenweg 5 verlegt.

Der Maria-Zeitler-Pfad beginnt auf dem Maria-Zeitler-Platz zwischen Hauptverwaltung und Johanneskirche. Er führt über sieben Stationen durch das Gelände der Johannes-Diakonie in Mosbach. Der Pfad ist ohne Treppenstufen und Barrieren, jedoch wegen der zum Teil steilen Anstiege nicht „barrierefrei“ im baurechtlichen Sinne. Er ist 1250 Meter lang und geht über 35 Höhenmeter. 

Führungen auf dem Maria-Zeitler-Pfad übernehmen inklusive Lotsen-Tandems aus Werkstatt-Beschäftigten und Ehrenamtlichen. Bei Interesse oder sonstigen Fragen wenden Sie sich gerne an unseren Ansprechpartner, Pfarrer Richard Lallathin.
 

Die Stationen des Pfades

1. Am Maria-Zeitler-Platz

1. Am Maria-Zeitler-Platz

An dieser Station werden Maria Zeitler und ihre Lebensgeschichte vorgestellt. Hier ist auch die Einweihung des Maria-Zeitler-Platzes und -Pfades im November 2020 in Anwesenheit der Neffen von Maria Zeitler, den Professoren Norbert und Rainer Gross, dokumentiert.

2. Am Haus Neckar

2. Am Haus Neckar

Hier wird die NS-Zwangssterilisation und ihre Auswirkung auf die Bewohner*innen der "Erziehungs- und Pflegeanstalt" dargestellt. Doch es geht auch um Widerstand. So war die Diakonisse Ida Pfettscher gegen das Gesetz zur Zwangssterilisation, beteiligte sich an einem Wahlboykott und musste die Einrichtung verlassen.

3. Am Haus im Tal

3. Am Haus im Tal

Im Hof hinter dem "Haus im Tal" standen die Busse. Sie brachten im September 1940 Menschen mit Behinderung aus der Johannes-Diakonie nach Grafeneck auf der Schwäbischen Alb. Dort wurden sie in einer Gaskammer ermordet. Diese ging als erste Gaskammer in der Menschheitsgeschichte am 18. Januar 1940 in Betrieb. Die Leichname der Ermordeten wurden in Fahrbaren Krematorien verbrannt. Die Angehörigen erhielten geheuchelte „Trostbriefe“. Darin wurden eine erfundene Todesursache und ein falsches Todesdatum mitgeteilt.

4. Am Haus am Berg

4. Am Haus am Berg

Wilhelm Hauser kam 1938 mit vier Jahren in die Johannes-Diakonie. Zwei Jahre später wurde er Opfer der NS-"Euthanasie". Vor seinem Elternhaus in Schriesheim liegen zwei Stolpersteine: Denn genau vier Wochen nach der Tötung von Wilhelm wurde seine Mutter aus der Kreispflegeanstalt Weinheim abgeholt und ebenfalls in Grafeneck ermordet.

5. Menschen mit Charakter und Profil

5. Menschen mit Charakter und Profil

Auch wegen der bürokratischen Organisation der NS-„Euthanasie“ kennen wir alle 263 Namen der Opfer. Von etwa 40 Opfern haben wir auch Bilder. Einige stammen aus einer Sammlung von NS-Propagandabildern. Mit ihnen sollte beim Betrachter Abscheu vor Menschen mit Behinderung hervorgerufen werden. Drei Kinderbilder sind bei ärztlichen Untersuchungen an der Uniklinik in Heidelberg entstanden. Die Kinder sind anschließend getötet worden, um ihre Gehirne untersuchen zu können.

Seit Sommer 2019 kennen wir zudem die Skizzen des Nürnberger Kunstprofessors Fritz Griebel (1899-1976). Bei einem Aufenthalt in Mosbach im Jahr 1935 hat er die Zeichnungen von Bewohner, Bewohnerinnen und Mitarbeitenden angefertigt.

6. Jüdische Opfer

6. Jüdische Opfer

Im September 1940 wurden alle fünf jüdischen Bewohner und Bewohnerinnen deportiert und ermordet, unabhängig von der Schwere ihrer Behinderung. Das war etwa fünf Wochen vor der
Deportation der badischen Juden nach Gurs am 22. Oktober 1940. Zum Teil waren sie langjährige und in der Stadt bekannte Bewohner und Bewohnerinnen.

Eine Bewohnerin wurde erst 1939 in der Johannes-Diakonie aufgenommen, da ihren Eltern die Auswanderung in die USA gelang. Die in Frankfurt lebende Schwester war besorgt um das Schicksal ihrer behinderten Schwester und kam im Oktober 1940 in den Heimatort der Familie, nach Neckarzimmern, zurück. Dort wurde sie von der Deportation der badischen Juden erfasst, kam nach Gurs und später, 1942, von dort aus nach Auschwitz, wo sie Opfer des Genozids an den Juden wurde.

7. Von Grafeneck nach Auschwitz

7. Von Grafeneck nach Auschwitz

Die T 4-Aktion, die erste Phase der NS-„Euthanasie“, wurde nach den mutigen Predigten des Münsteraner Bischofs Graf von Galen im August 1941 eingestellt. Bis dahin wurden in den sechs Gasmordanstalten der T 4-Aktion über 70.000 Menschen mit geistiger und psychischer Behinderung getötet.

Die Kenntnisse der Täter, eine große Zahl von Menschen wie in einem „industriellen Produktionsprozess“ auf effektive Weise zu töten und ihre Leichname fast spurlos verschwinden zu lassen, wurde jetzt für ein noch viel monströseres Menschheitsverbrechen benötigt, nämlich für den Völkermord am europäischen Judentum. Auf der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 wurden die staatlichen Behörden in das von der SS geplante Verbrechen einbezogen.

Das Protokoll geht von über 11 Mio. Juden in Europa aus. Der Protokollant, Adolf Eichmann, wurde mit der Organisation beauftragt. Bis Ende 1944 fielen 6 Mio. Juden dem Holocaust in den deutschen Vernichtungslagern zum Opfer. Im historischen Rückblick war die T 4-Aktion gleichsam ein „Testlauf“ für den Völkermord am europäischen Judentum.

8. Die zweite Phase der NS-„Euthanasie“ im totalen Krieg 1944/45

8. Die zweite Phase der NS-„Euthanasie“ im totalen Krieg 1944/45

Anfang 1944 lebten noch etwa 200 Menschen mit Behinderung am Schwarzacher Hof. Prof. Carl Schneider untersuchte 20 Kinder aus der Johannes-Diakonie, die dafür zum Teil mehrere Wochen in der Psychiatrie in Heidelberg waren. Diese Kinder wurden von Juli bis November 1944 zur Anstalt Eichberg bei Eltville gebracht.

Die Absprache mit Prof. Schneider war, dass die Kinder dort nach und nach getötet werden und ihre Gehirne zu Untersuchungen nach Heidelberg geschickt werden. Ebenfalls im Sommer 1944 begannen die Planungen für ein Betriebskrankenhaus der Firma Goldfisch in Obrigheim (das ist die von Genshagen/Berlin hierher verlegte Daimler-Benz-Flugzeugmotorenfabrik) für ihre zivilen Mitarbeiter.

Dieses Betriebskrankenhaus wurde in den drei großen Gebäuden des Schwarzacher Hofes eingerichtet. Dafür mussten weiter Bewohner*innen des Schwarzacher Hofes weichen. 28 von ihnen wurden in das Landeskrankenhaus Uchtspringe bei Stendahl verlegt. 25 von ihnen waren bis Kriegsende im Mai 1945 tot. Sie waren an Unterernährung gestorben oder wurden mit Spritzen getötet.