Johannes-Diakonie Mosbach

  1. Startseite KJPP
  2. Unser Leistungsangebot
  3. Klinikstationen
  4. Mitarbeiterteams
  5. Diagnostik und Therapie
  6. Klinikschule
  7. KJPIA
  8. Weitere Leistungen
  9. News
  10. Qualitätssicherung
  11. Ansprechpartner
  12. So finden Sie uns

 

Lösungen finden und durchspielen

Therapeutisches Rollenspiel in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie

Es ist keine leichte Aufgabe für Heilerziehungspfleger und Diplompsychologen, Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 20 Jahren im Rahmen der stationären jugendpsychiatrischen Behandlung in der KJPP psychotherapeutische Angebote zu machen. Bei oft fehlender Behandlungsmotivation und einer häufig zu findenden Abneigung gegen Gesprächspsychotherapien (»Das Gelaber geht mir auf die Nerven!«) stellt das ursprünglich aus dem Theater stammende Rollenspiel eine nützliche und in vielen Therapieformen verwendete Methode der Gruppentherapie dar.

nachgestellte Mobbingszene

Eine typische Mobbingszene: Die Schülerin (rechts) wird abgelehnt. Diese Szene wird nachgespielt und danach werden alternative Verhaltensmöglichkeiten entwickelt.

 

Das Psychodrama und sein Hintergrund

Der Arzt Jakob Moreno war um 1920 einer der ersten, der die Idee hatte, Theaterspielen zu psychotherapeutischen Zwecken zu nutzen. Seine als »Psychodrama« bezeichnete Methode hatte im Sinne der damalig vorherrschenden tiefenpsychologischen Ansätze das Ziel, durch das Nachspielen belastender Situationen zum Zwecke der emotionalen Aufarbeitung bei den Patienten eine so genannte »Katharsis« zu erreichen, d.h. eine heilende Wirkung durch das Nacherleben und Ausagieren belastender Erfahrungen.

Das Rollenspiel dient also zur Darstellung von Konflikten (Vergangenheit, Zukunft, Lebenssituationen, Träume, Ängste u.a.). Gearbeitet wird in Gruppen; die Themen stammen meist aus der gegenwärtigen oder der Herkunftsfamilie.

Die verteilten Rollen sind: der so genannte Protagonist, d.h. der Hauptdarsteller und »Problemträger«, der Therapeut als »Regisseur«, die Hilfs-Ichs, d.h. Mitspieler, die reale oder phantasierte Personen darstellen. Die übrigen Teilnehmer in größeren Gruppen bilden das Publikum, das nicht nur passiv zuhört, sondern zusätzlich Feedback gibt.

Dieses Konzept wurde später von dem Psychotherapeuten Hilarion Petzold zum »Behaviourdrama« erweitert, d.h hier wurden zusätzlich mithilfe verhaltenstherapeutischer Techniken neue Verhaltensweisen eingeübt.

Rahmenbedingungen und Regeln

In der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Schwarzacher Hof (KJPP) arbeiten wir mit Gruppen in einer Größe von sechs bis acht Jugendlichen, die mindestens 13 Jahre alt sind. Es werden Verhaltensregeln wie Zuhören, Ausredenlassen, Ernstnehmen sowie eine »Schweigepflicht« eingeführt, d.h. da es sich häufiger um belastende, sensible Themen handelt, verpflichten sich die Patienten, die Inhalte vertraulich zu behandeln.

Im Unterschied zum klassischen Psychodrama wird lösungsorientiert gearbeitet nach dem Motto: »Man kann nur sich selbst ändern, nicht die anderen«.

Auch führt in unserer Arbeit der Protagonist, also der Patient, der das Thema vorgibt, mit Unterstützung der Therapeuten Regie.

Initialphase

Da die Jugendlichen erfahrungsgemäß zunächst Schwierigkeiten haben, ein Thema vorzuschlagen und einzubringen, benötigen sie hier Unterstützung durch die Therapeuten: So werden sie beispielsweise direkt nach Konfliktsituationen auf der Station, im Elternhaus, in der Schule oder im sonstigen Umfeld gefragt. Auch werden für das Durchspielen Vorschläge gemacht, die an der persönlichen Situation orientiert sind.

Sollte es immer noch nicht gelingen, die Jugendlichen zu motivieren, werden Aufwärmspiele angeboten, wie z.B eine »Talkshow« (in der die Patienten die Eltern spielen) oder eine »Gerichtsverhandlung« (die Konfliktperson eines Patienten wird in einer von den Teilnehmern gespielten Gerichtsverhandlung angeklagt).

Aktionsphase

Wenn es gelingt, ein Thema zu finden, wird es von dem Jugendlichen, der es vorstellt (Protagonist), mithilfe der Therapeuten inszeniert.

Zunächst werden die Rollen verteilt, wobei der Protagonist zunächst nicht selbst mitspielt, sondern sich von einem anderen Mitspieler doubeln lässt. Der therapeutische Effekt dieses Vorgehens besteht darin, dass der Protagonist sich selbst aus der Distanz agieren sieht, also ein indirektes Feedback über sein Verhalten erhält und eine Idee davon bekommt, wie er auf andere Menschen wirkt.

Im nächsten Schritt wird ein Drehbuch erstellt: Der Protagonist geht zu jedem Mitspieler und teilt ihm detailliert mit, was er zu sagen und zu tun hat, wobei natürlich wegen des Spielflusses improvisatorische Freiheit bestehen muss.

nachgestellter Familienkonflikt

Ein Familienkonflikt wird anhand einer Familienskulptur nachgestellt und danach analysiert

 

Falls die Mitspieler Probleme haben, die Rolle zu spielen, werden sie von den Therapeuten unterstützt, indem ihnen entweder mögliche Statements souffliert oder sie gedoubelt werden. Wenn die Szene durchgespielt ist, wird sie ausgewertet, d.h. der Protagonist wird gefragt, ob das Rollenspiel mit der Realität übereinstimmt oder worin eventuelle Abweichungen und Unterschiede bestehen. Die Mitspieler werden nach ihren Emotionen und Gedanken gefragt, die sie in der Rolle erlebt haben – eine wichtige Information für den Protagonisten.

Am Ende der Aktionsphase steht die Problemlösung: Der Protagonist wird gefragt, ob er sein Verhalten verändern möchte, was natürlich meist der Fall ist. Die Gruppe erarbeitet dann in einem Brainstorming mehrere Lösungsvorschläge, von denen der Protagonist einen oder mehrere favorisiert. Dieser Vorschlag wird schließlich durchgespielt, um die Reaktionen der Mitspieler auf das veränderte Verhalten zu beobachten. Der Protagonist entscheidet, ob diese Reaktionen seinen Erwartungen entsprechen und spielt zum Schluss sich selbst mit dem veränderten Verhalten. Falls es um Einübung eines neuen Verhaltens geht, z.B. Durchsetzungsfähigkeit, sind häufig mehrere Durchläufe des Rollenspiels nützlich.

Abschlussphase

Der Protagonist berichtet über seine eigene emotionale Reaktion und die der Mitspieler auf sein verändertes Verhalten. Als Ausblick wird geplant, wann er im Alltag sein neues Verhalten im Sinne eines Experiments zum ersten Mal ausprobiert.

Veränderungen müssen ja nicht automatisch positiv und produktiv sein, daher wird der Jugendliche mit den Frage konfrontiert: »Welche negativen, unangenehmen Konsequenzen des neuen Verhaltens befürchtest du?« Und: »Welche Nachteile könnte es haben?« Es wird der Umgang mit diesen Nachteilen thematisiert und damit gleichzeitig indirekt einem Rückfall in alte Verhaltensmuster vorgebeugt. Im stationären Alltag kann dann die eventuelle Umsetzung des neu gelernten Verhaltens im Sinne einer Erfolgskontrolle beobachtet werden.

Das therapeutische Angebot der Rollenspielgruppe besteht seit etwa 10 Jahren und wird durch Einbeziehung vieler Mitarbeiter immer mehr zum Bestandteil der stationären Behandlung.

(Die Bildmotive wurden von Mitarbeitenden der KJPP exemplarisch nachgestellt.)