
Kinder
und Jugendliche mit dissozialen Verhaltensweisen repräsentieren
die größte Gruppe der Patienten in der Klinik für
Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (KJPP) auf dem
Schwarzacher Hof. Im Folgenden werden erlebnispädagogische
Maßnahmen als integraler Teil des Therapieplans für diese
Patienten vorgestellt.
Patienten mit dieser Diagnose sind meist unter erschwerten Bedingungen aufgewachsen oder leben jetzt noch in diesen. Sie sind meist auf Gesprächsebene schwer erreichbar, sind emotional ambivalent und haben vorwiegend ein geringes Selbstwertgefühl. Ihr Alltag ist oft von Verunsicherung, Verweigerung, Frustration und diffusen Ängsten geprägt.
Die Erlebnispädagogik (EP) setzt dabei nicht an den negativen Zuschreibungen (»Was stört, was klappt nicht«) an, sondern ist auf die Ressourcen (Fähigkeiten, Talente) jedes Einzelnen zugeschnitten.
Individuelle Planung orientiert sich an den Möglichkeiten der Jugendlichen, d.h. dass bestimmte Herausforderungen (z.B. eigenverantwortliches Navigieren, spartanische Lebensführung ...), Stresssituationen (Nässe, Kälte, Dunkelheit, Durst, Hunger) und Grenzerfahrungen (lange Wanderungen, sich fern von der Zivilisation aufhalten ...) gezielt mit eingeplant werden.
Die Vorbereitung muss jedoch so ausgefeilt sein, dass die Gruppe die Probleme meistern kann und eben nicht in Resignation, Gefühle der Überforderung, Aggression und Depression verfällt. Diese Empfindungen und Verhaltensweisen kennen die Teilnehmer schon gut genug. Vielmehr sollen die EP-Projekte Raum für Spaß, Spannung und Abenteuer geben, Akzeptanz und Ich-Kompetenzen vermitteln und das Selbstwertgefühl der Jugendlichen stärken. Durch die Beziehung zu den Jugendlichen und die individuelle Planung der Projekte können sie dabei unterstützt werden, persönliche Erfahrungen zu sammeln und Bedürfnisse nachzuholen. Grundlage ist die Wertschätzung und Akzeptanz individueller Persönlichkeit, unabhängig von Diagnose und Symptomatik.
Dissoziale Kinder und Jugendliche fallen vor allem durch Missachtung von Regeln des sozialen Zusammenlebens auf. Die unmittelbare Befriedigung der Bedürfnisse steht im Vordergrund, während es ihnen auf der anderen Seite deutlich an einer adäquaten Über-Ich- (Gewissen) und Ich-Bildung (Selbst- und Fremdwahrnehmung) mangelt. Dies kann sich in Eigentumsdelikten, geringer Frustrationstoleranz, Herumtreiben, Schule schwänzen, Sachbeschädigung, Körperverletzung, Suchtmittelkonsum u.a. zeigen.
Für Kinder und Jugendliche mit dissozialen Verhaltensweisen ist es besonders wichtig, dass sie eine konsequente Erziehung erfahren statt einseitiger Strenge, Nachgiebigkeit oder erzieherische Willkür. Sie müssen lernen, Wünsche zeitweise aufzuschieben oder unter Umständen sogar ganz auf ihre Erfüllung zu verzichten. Sie brauchen »standfeste« Pädagogen, die ihnen klare Grenzen und deutlich erklärte Spielregeln aufstellen. Hierzu zählt auch »Klartext reden«.
Wenig hilfreich erscheint es zu sagen: »Sei doch einmal zuverlässig, du weißt doch, was zu tun ist.« Besser ist beispielsweise die Aufforderung: »Du hilfst mit, Holz für ein Feuer zu sammeln, sonst können wir nichts essen.«
Für Kinder und Jugendliche eignen sich prinzipiell alle erlebnispädagogischen Methoden. In der KJPP auf dem Schwarzacher Hof werden Kanufahren, Mountainbiking und Trekking angeboten. Gerade beim Kanufahren ist Teamwork alles, und von jedem Einzelnen sind Rücksichtnahme und Toleranz auf engstem Raum gefordert. Die Sachzwänge sind sofort und ohne langes »Erzieherpalaver« einsehbar. Das korrekte Arbeiten im Kanu ermöglicht die konkrete Anschauung des eigenen Tun und die unmittelbare Überprüfung und Regulierung von Tätigkeit und Verhalten. Jeder ist für seinen Teilbereich alleine verantwortlich, und nur mit gemeinsamem Einsatz kann das Kanu bis ans Ziel manövriert werden.
Die Naturgewalten sind weder bestechlich noch verdrängbar, nicht wegzudiskutieren und bestrafen Fehlverhalten sofort. Die ungewohnte, reizvolle und herausfordernde Umgebung verlangt den Jugendlichen ganz andere Potenziale ihrer Persönlichkeit ab als sie sonst zu offenbaren gewohnt sind.
Gerade die realistische Selbsteinschätzung ist für Kinder und Jugendliche von größter Bedeutung. Fertigkeiten wie Paddel- und Fahrtechniken, Navigieren mit Karte und Kompass, Zelte aufstellen etc. resultieren aus der unmittelbaren Situation, sind für sie wichtig und erkennbar. Die gesetzten Grenzen ergeben sich aus der Handlung selbst und werden von ihnen nicht als willkürlich verhängte Ge- und Verbote empfunden. Neue Akzente für die unmittelbare Bedürfnisbefriedigung stellt die Selbstverpflegung mit geringen Mitteln, das Übernachten in einfachster Umgebung und das Leben in einer für sie »reizarmen« Umgebung dar.
»An der Wolfsschlucht angelangt, stand uns ein schwerer Aufstieg bevor. Im Gänsemarsch liefen wir über Stock und Stein. Die Wege waren sehr schmal und hoch, so dass mancher von uns es mit der Angst zu tun bekam.
Überglücklich waren wir an unserem Ziel, der Freyahütte, angekommen. Total fertig legten wir unsere Rucksäcke ab und setzten uns erstmal hin, um auszuruhen. Der Zeltaufbau ging eigentlich schneller als gedacht. Herr Kroiher und Daniel zogen los und sammelten Brennholz fürs Grillfeuer. Wir legten Brot, Würstchen und anschließend noch Bananen auf den Rost. Wir waren hungrig und konnten es kaum erwarten, alles aufzuessen.
Danach entschlossen wir uns, einen Aussichtsturm ganz in der Nähe zu besteigen. Um auf den höchsten Punkt des Katzenbuckels zu gelangen, mussten wir eine lange, enge Wendeltreppe erklimmen. Von oben hatte man einen wirklich schönen Blick über den gesamten Odenwald.
Langsam wurde es dunkel. So gegen 21.45 Uhr unternahmen wir einen kleinen, nicht gerade angstfreien Nachtspaziergang. Die ganze Nacht über schlichen Tiere um unsere Zelte und machten komische Geräusche.
Der Heimweg war etwas weniger anstrengend, da wir hauptsächlich bergab liefen, aber die Wolfsschlucht machte uns wieder schwer zu schaffen. Der Trampelpfad war teilweise ziemlich abschüssig und rutschig. Als wir in Zwingenberg ankamen, kühlten wir unsere heißen Füße im Neckar und aßen etwas. Alle waren froh, es hinter sich gebracht zu haben. Total erschöpft und müde fuhren wir heim.«